WITNESS

the woman my mother wants me to be like

2018 performance, photography & text

WITNESS is a research project. It is a result of a conversation with the aesthetic of „Gardetanz”, through the study of the movement repertory and the traditions that lead to its practice. It is a melange of „Gardetanz“ Repertoire and contemporary art, motivated by the desire to develop a common movement language.

“thanks to this brilliant performance a deep sad core of the carnival is suddenly conjured, of which our “school wisdom” had not dreamed off “ Martin Krumbholz, Sudetendeutsche Zeitung, Jun 2019


credit

Research, concept & Photography: Reut Shemesh
choreography: Reut Shemesh in collaboration with Ulla Gerling
Dance: Lisa Aydin, Eva Bergmann, Laura Bremicker, Nina Bremicker, Katharina Brink, Constanze Fischer, Isabell Flecken, Hannah Lingnau, Nicole Rauh, Janina Schentek, Lisa Schouven
Music: Simon Bauer
Dramaturgy: Daniel Rademacher
Graphics/layout Ronni Shendar 
Management: Sabina Stücker
Financial dramaturgy Bela Bisom/transmissions

Made possible by“WITNESS“ is a project of tanzhaus nrw as part of the programme series Ceremony Now!, sponsored by Kunststiftung NRW, and as part of Take-off: Junger Tanz, sponsored by the Cultural Office of the City of Düsseldorf and the Ministry of Culture and Science of North Rhine-Westphalia

Download WITNESS the book (PDF) 

Previous & upcoming 

Jun 2018 Showing – tanzhaus NRW

 
30. August 2018 / International tanzmesse – Open Studio at tanzhaus nrw iDAS NRW

13th Jun 2019, the Opening event of the Impulse theatre festival at tanzhaus nrw Düsseldorf (DE) https://www.impulsefestival.de

July 4th, 2019, Museum Kunstpalast Duesseldorf (DE)
https://www.kunstpalast.de/

Press

Sueddeutsche Zeitung / 24. Juni 2019, 18:22 Uhr

Theater Mikrofonständer werden zu Gewehren

Theaterfestival Impulse
Unheimliche Funkenmariechen: Die Tanzgarde der Stadt Düsseldorf zeigt „Witness“ von Reut Shemesh. (Foto: Robin Junicke)

Rheinische Folklore, Gewalt in der Kunstszene: Eindrücke vom Festival des freien Theaters “Impulse”.Von Martin Krumbholz

Es begann mit Folklore – und zugleich mit einer unheimlichen Begegnung der dritten Art. Der Gardetanz ist an sich keine genuine Erfindung der freien Theaterszene, sondern fester Bestandteil des Karnevals. Da marschiert und tanzt die katholische (Mädchen-)Jugend Düsseldorf. Die Röcke sind kurz, die Zöpfe blond, das Lächeln festgefroren. So auch in der kurzen Performance, die zum Auftakt des diesjährigen Impulse-Festivals im Tanzhaus NRW die übliche Begrüßungszeremonie auflockerte. Doch dann kam’s: Plötzlich erstarrten die ohnehin absurden Bewegungsabläufe zu leblosen Mustern; das gefrorene Lächeln in den munteren Gesichtern erlosch; Totenstille. Musik gab es nicht. Was war das? Dekonstruktion einer Fröhlichkeit, die dem Rheinländer doch längst in Fleisch und Blut übergegangen ist?

Man könnte meinen, dank dieser blitzgescheiten Performance würde urplötzlich ein tieftrauriger Kern des Karnevals hervorgezaubert, von dem unsere Schulweisheit sich wenig hat träumen lassen. Und man darf gespannt darauf sein, wie die Choreografin Reut Shemesh das Format mit den jungen Tänzerinnen weiterentwickelt, denn “Witness”, so der Titel der Show, war nur ein Ausschnitt aus einem größeren Projekt. Trügt der Eindruck, dass auch bei einigen der versammelten Honoratioren das festliche Lächeln kurz zur Maske gefror?

Es ging dann, am Eröffnungsabend, mit dem “Zweiten Versuch über das Turnen” von der Gruppe “Hauptaktion” weiter, einer eher spröden Abhandlung über die Geschichte – und vor allem die politische Instrumentalisierung – einer sich leiblich ertüchtigenden, nämlich der deutschen Nation, seit Turnvater Jahns Zeiten. Also über 200 Jahre, die rückwärts heruntergezählt werden. Kritisch referieren lässt sich das, szenisch illustrieren weniger, es sei denn – eben durch das Ab-, Vor- und Durchturnen sogenannter Übungen, die Sportlehrer jeglicher Couleur sich seit den Napoleonischen Kriegen ausgedacht haben. Gymnastik (auch wenn aus Täuschungsgründen das Wörtchen “nackt” darin steckt) ist unbestreitbar eine der unsinnlichsten menschlichen Erfindungen schlechthin.

Die Adaption von fiktionaler Literatur ist in der freien Theaterszene verpönt. Ebenso das Verkörpern von Rollen, man nennt es Repräsentation. In der in Mülheim an der Ruhr stattfindenden “Akademie”, einem der drei Pfeiler des auf drei Städte verteilten Festivals, wurde die Debatte um “Repräsentationskritik” im Freien Theater in den Kontext des aktuellen politischen Rechtsrucks gestellt. Dass indes der didaktische Anspruch und das strenge Gebot politischer Korrektheit durchaus zu Konflikten, Widersprüchen und Missverständnissen führen kann, war andernorts geradezu wie unter einem Brennglas zu beobachten. Die außerordentlich kluge Performance “All Inclusive” von Julian Hetzel löste bei ihrer Präsentation im Forum Freies Theater eine heftige Debatte aus, weil darin fünf Geflüchtete, als Statisten, sich selbst darstellen.

©SZ vom 25.06.2019