CREDITS

2012  Performance and trailer 


While all around us are wearing their finest clothing, emotional nudity can be extremely painful


Choreography Reut Shemesh | Dance and Creation Or Hakim, Laura Marios, Young Suk Lee, Nicolas Robillard | Music Nico Stallmann | Scenography Ronni Shendar | Film Ronni Shendar Photography Ken Bekaert

 


Length: 50 min 

Premiere: November 2012, D-Q-E Cologne 

The Piece AORA was funded by the City of Cologne, MichaelDouglas kollektiv, Design Quartier Ehrenfeld, Random Collision Groningen. 

Nominated to the Cologne dance and theatre price 2012


Previous & upcoming performances

2,3,4 November 2012 D.Q.E Köln

11,12 December 2012 Arkadas theatre Köln





PRESS

Tanz-Gemälde

Seit 2010 lebt und arbeitet Israelin Reut Shemesh schon in Köln. Sie gilt als das spannendste Nachwuchstalent der letzten Jahre. Mit der Inszenierung „AORA“ im DQE macht sie ihrem Ruf alle Ehre – und wurde prompt für den Kölner Tanzpreis nominiert.


Die Bühne ist ein Raum wie aus einer anderen Dimension. Kommt man in die riesige Halle des Design Quartiers Ehrenfeld, findet man an diesem Abend einen weißen Kasten in der Mitte. Er scheint wie ein strahlendes Universum, degradiert sein Umland zum dunkel kahlen Leerraum. Die israelische Choreografin Reut Shemesh kreiert mit „AORA“ ein auratisch schillerndes Bühnengemälde. Im Zuschauerraum angekommen, blickt man dann ins leuchtende Weiß. Scheinwerfer hinter den Folienwänden, grelles Spotlight von oben – den vier Tänzern wird jeglicher Schutz verwehrt, jede Regung offen gelegt. Und sie sind verblüffend reglos, starren mit stoischer Konzentration an die Decke, als würden sie ein imaginäres Wunder beobachten. In den ersten unendlichen Minuten scheinen die beiden Pärchen – eines am hinteren und eines am vorderen Bühnenrand – malerisch. Ihre zeitlupenartigen Minimalbewegungen werden dabei zu Pinselstrichen, die das Gemälde vervollkommnen.


Der Operngesang von Woohee Chung, für die Vorstellung eingespielt, und das wohlklingende Klavierspiel u.a. von Händel polieren die glänzende Oberfläche der unbewegten Harmonie. Doch bald kommt Hektik auf. Or Hakim in schwarzer Spitze und Youngsuk Lee in einheitlichem Schwarz robben seitwärts synchron über die Bühne, ständig nach links und rechts blickend. Laura Eva Meuris und Nicolas Robillard vollführen klassische Hebefiguren, formieren sich zu einer sakralen Engelsfigur, die im Rückwärtsschritt den gewohnten Abstand von Publikum und Bühne bedrohlich überschreitet. Shemesh lässt Klassik und Moderne aufeinander prallen. Filigrane Bewegungen vor plastisch futuristischer Kulisse werden immer wieder konterkariert durch groteske Bilder. Etwa wenn die beiden Frauen sich krebsartig in Brückenhaltung aufeinander zu bewegen, Lee seinen Kopf durch die Beine von Hakim schiebt, um sie dann auf die Schultern zu heben. Oder wenn sich alle kampfartig ineinander verkeilen. Dann scheint die Makellosigkeit der überschönen Gesellschaft gestört. Immer wieder gerät ihre Welt wie durch ein Erdbeben ins Wanken. Sie lösen sich voneinander, geraten in ekstatisches Zucken und Schütteln. Als Individuen taumeln sie in die Haltlosigkeit, müssen sich wieder fangen, in die Gruppe finden. In einer endlos wirkenden Szene bewältigen sie dann die Nachbeben, strecken und beugen sich in hoher Geschwindigkeit, hecheln und keuchen. Das traumhafte Tanzgemälde zeigt Risse, offenbart die Brüchigkeit eines gesellschaftlichen Gefüges und stellt Schönheit unmittelbar neben ihre Zerstörung. Was bleibt, ist die Kunst. Shemesh vereint Tanz, Musik (Nico Stallmann) und Raumdesign (Ronni Shendar) zu einer symbiotischen Ästhetik. Bleibt nur zu hoffen, dass die Stadt Köln eine so außergewöhnliche Künstlerin halten kann.


ROMY WEIMANN